Fleisch- oder Allesfresser? – Das ist hier die Frage!


Bei der Ernährungsweise unterscheidet man zwischen omnivor (aus lateinisch omnis ‚alles’ und vorare ‚fressen’; also Allesfresser), carnivor (lat. caro – Genitiv carnis – ‚Fleisch‘ und vorare ‚fressen’; also Fleischfresser) und herbivor (lat. herba ‚Kraut‘ und vorare ‚fressen’, also Pflanzenfresser)

Die Frage, ob Hunde nun Fleisch- oder doch Allesfresser sind, wird heftig diskutiert.


Carnivora vs. Carnivore

Fest steht: Hunde gehören zur biologischen Ordnung der Raubtiere, deren wissenschaftlicher Name Carnivora lautet. Daraus schließen viele Menschen, dass sie sich natürlich auch carnivor – also fleischfressend – ernähren. Aber so einfach ist das nicht. Von der Ordnung Carnivora (Raubtiere) kann man eben nicht direkt auf die Ernährungsweise schließen.

„Fleischfresser (Carnivore) sollten nicht mit der Ordnung Raubtiere (Carnivora) verwechselt werden. Carnivora sind nicht zwangsläufig Carnivoren und Carnivoren nicht zwangsläufig Carnivora, da es sowohl Fleischfresser gibt, die nicht der Ordnung der Raubtiere angehören, als auch Raubtiere, die sich, wie viele Bären, überwiegend von pflanzlicher Nahrung ernähren und somit zu den Allesfressern gehören.“ (Wikipedia)

https://de.wikipedia.org/wiki/Fleischfresser


Ein besonderes Beispiel ist da der Pandabär. Auch er gehört zur Ordnung der Carnivora und ernährt sich bekanntermaßen nicht hauptsächlich von Fleisch. Nun ist der Panda zugegebenermaßen ein besonderer Fall.


Waschbär, Fuchs und Hund

Aber wir können auch bei deutlich naheliegenderen Beispielen bleiben: Wachbären und Füchse. Beide gehören zu den Carnivora. Füchse (genauer: der Rotfuchs) gehören sogar zu gleichen biologischen Familie wie die Haushunde: Canidae. Hier mal zur Übersicht die biologische Klassifizierung dieser drei Arten:

Klassifizierung Waschbär, Fuchs, Hund


Waschbären und Füchse sind also relativ nah mit dem Haushund verwandt. Auch zeigen sie sehr ähnliche physiologische Merkmale wie der Hund (z.B. das Gebiss). Diese Merkmale könnten auf den ersten Blick eine carnivore Ernährungsweise nahelegen. Doch sowohl Füchse, als auch Waschbären werden ohne Diskussionen und eindeutig zu den Allesfressern gezählt. Die Nahrung von Waschbären setzt sich folgendermaßen zusammen:


„Waschbären sind Allesfresser, deren Speiseplan sich zu ungefähr 40 Prozent aus Wirbellosen, zu 33 Prozent aus pflanzlicher Nahrung und zu 27 Prozent aus Wirbeltieren zusammensetzt. Laut Zoologe Samuel I. Zeveloff dürfte der Waschbär zu den „omnivorsten Tieren der Welt“ gehören.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Waschb%C3%A4r#Ern%C3%A4hrun


Der Speiseplan des Fuchses

Auch Füchse gelten als anspruchslose Allesfresser, die ein sehr breites Nahrungsspektrum haben. Hier mal beispielhaft einige Analysen zur Nahrungszusammensetzung:

Nahrungszusammensetzung Füchse Bristol
Daten: Harris, S. & Baker, P. (2001) Urban foxes. Whittet Books, Suffolk.
Nahrungszusammensetzung Füchse London
Daten: Harris, S. & Baker, P. (2001) Urban foxes. Whittet Books, Suffolk.
Daten: Cavallini & Volpi 1996

Wie man an diesen Beispielen sieht, haben Füchse je nach Umweltgegebenheiten einen sehr unterschiedlichen Speiseplan.


Die Ernährung wildlebender Hunde

Nun schauen wir uns mal die Nahrungszusammensetzung von wildlebenden Hunden an. Also von Hunden, die sich ihre Nahrung weitestgehend selbstständig besorgen und ihr Futter nicht von Herrchen oder Frauchen vorgesetzt bekommen.

In einer Studie zu der Nahrungszusammensetzung von freilebenden Hunden in Zimbabwe zeigt zum Beispiel, dass sich die Hunde dort zu knapp einem Viertel von menschlichen Fäkalien ernähren. Sadza, ein von Menschen zugefütterter Getreidebrei, sowie selbst gefundene Früchte machen ein weiteres Viertel aus. Ungefähr die Hälfte der Nahrung besteht aus Aas. Allerdings handelt es sich hierbei zum Großteil um Karkassen der Nutztiere, bei dem alle vom Menschen verwertbaren Teile bereits entfernt wurden. Nur selten kommen auch selbst erlegte Tiere auf den Speiseplan.




Zimbabwe – ländlicher Bereich, Daten: Butler & Du Toit 2002


Auch wildlebende Hunde in Zentralindien erjagen gerade einmal 11% der Futtermenge selbst. Der restliche Anteil der Nahrung setzt sich aus Ernte-Abfallprodukten, Müll und Aas von Nutzvieh zusammen.




Zentralindien – ländlicher Bereich, Daten: Vanak & Gompper 2009
HDF = human derived food (Müll, Hirsebrot, Kot)


Freilebende Hunde, die in Polen beobachtet wurden, zeigen während der Sommerzeit mit 46% pflanzlichen Anteil in der Nahrung und gerade mal 15% Säugetiere (von denen 9,5% Ratten und Spitzmäuse ausmachen) noch einmal eine ganz andere Futterzusammensetzung.

Polen – ländlicher Bereich, Sommer, Daten: Krauze-Gryz & Gryz 2014


Der Hund ist ein Allesfresser!

Sowohl bei Füchsen als auch bei Hunden fällt also auf, dass das Nahrungsspektrum sehr breit gefächert ist und sie sich unterschiedlichen Umweltbedingungen sehr gut anpassen können.

Aus den Beobachtungen zu der Nahrungszusammensetzung der Füchse ergibt sich ein tierischer Anteil von ca. 58 -73% (inkl. Insekten, Würmer usw.).

Dagegen ergeben die Nahrungsanalysen bei Hunden einen tierischen Anteil von 24*-53%. Damit ist der Fleischanteil im Vergleich zu den Füchsen deutlich geringer.  

Es besteht allgemeiner Konsens, dass Füchse Allesfresser, also Omnivoren, sind. Aus welchem Grund sollte man also Hunde nicht auch als omnivor lebende Tiere betrachten?

Mir fällt keiner ein.


Während der Domestikation fanden auch genetische Anpassungen statt, die dafür sprechen, dass Hunde keine reinen Fleischfresser mehr sind.

Viele Argumente, die auf den ersten Blick eindeutig zeigen, dass Hunde Fleischfresser sind, sind auf den zweiten Blick nicht mehr so klar.


*in der Studie von Krauze-Gryz & Gryz (2014) gibt es einen Anteil von 30 %, der unter anderem Holz und Plastik, aber auch nicht identifizierbare organische Stoffe enthält. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Hälfte (also 15%) dieser undefinierbaren Stoffe tierischer Herkunft sind, würde man immer noch auf gerade mal 39% insgesamt kommen.



Referenzen:


Butler, J. R. A., & Du Toit, J. T. (2002, February). Diet of free-ranging domestic dogs (Canis familiaris) in rural Zimbabwe: implications for wild scavengers on the periphery of wildlife reserves. In Animal Conservation forum (Vol. 5, No. 1, pp. 29-37). Cambridge University Press.

Baker, P., & Harris, S. (2001). Urban foxes. Suffolk: Whittet Books.

Cavallini, P., & Volpi, T. (1996). Variation in the diet of the red fox in a Mediterranean area. Revue d’écologie.

Krauze-Gryz, D., & Gryz, J. (2014). Free-ranging domestic dogs (Canis familiaris) in Central Poland: density, penetration range and diet composition. Polish Journal of Ecology62(1), 183-194.

Vanak, A. T., & Gompper, M. E. (2009). Dietary niche separation between sympatric free-ranging domestic dogs and Indian foxes in central India. Journal of Mammalogy, 90(5), 1058-1065.


10 Kommentare

  1. Da muss ich doch gleich noch mal nachschauen ob auch mein BARF Plan bis aufs Gramm genau ausgerechnet ist und meine Waage geeicht ist. Es könnte sonst eine Magelversorgung geben 😉

    Nein im Ernst – das ist richtig toll. Es zeigt sich, dass man den Hund auf vielfältige Weise ernähren kann (manchens kann man … sollte ist aber vielleicht keine gute Idee).
    Hundeernährung ist so ein Mienenfeld bei der Ideologien aufeinander treffen – hinten raus ist da wohl ein achtsamer aber Entspannter Umgang und ab und zu mal ein Blick auf das, was hinten raus kommt, für die meisten Tiere das sinnvollste.

    Und bei vielen Haushunden zählt heutzutage mehr, wie viel Kalorien insgesamt rein kommen anstatt wie viel Fleisch und welches und überhaupt.
    Die sind nämlich oftmals einfach nur zu fett und die Halter merken es nicht.

  2. Vielen Dank für den interessanten Artikel! Auch schön zu sehen, dass Quellen ordentlich angegeben wurden 🙂

  3. Wenn ich den Artikel lese, frage ich mich, wie man Hunde als reine Fleischfresser abstempeln kann. Jeder der ein Hund vom Welpen her aufzieht und beobachtet, sollte auffallen, das vorallem junge Hunde nicht rein auf Fleisch fixiert sind.

    Zudem sollte man sich bei der Frage auch mal die Überlegung machen, das ein Fachhandel für Tierfutter getreideflocken undgetrocknete Gemüse Sorten nicht zu Dekoration verkaufen.

  4. Die Themen Ernährung und Erziehung beim Hund sind immer ganz dünnes Eis. Ich finde es einigermaßen schade und auch problematisch, dass im gefühlt zunehmenden Maße auf allen Ebenen ein schwarz/weiß Denken zu sehen ist – sofern man überhaupt von Denken sprechen kann.

    Ein passendes Beispiel dafür, dass Hunde auch mit geringsten Mengen Fleisch sehr gut zurecht kommen, haben wir aktuell zu Hause. Seit Jahren füttern wir roh. Fleisch, eine ordentliche Portion Gemüse, etc. Alle 6 Monate holen wir uns den Tüv- Stempel beim Tierarzt ab. Ausgerechnet unser jüngster Hund steht seit einiger Zeit unter besonderer Beobachtung wegen erhöhter Leberwerte. Da beim Klinikbesuch weder Ultraschall noch CT Ergebnisse lieferten, wurde gleich auch noch eine Leberbiopsie gemacht, auf deren Ergebnis wir aktuell noch warten. Die Ärzte in der Klinik sagten, dass wir nicht zwangsläufig eine Leberdiät halten müssen und füttern können was der Hund gerne frisst. Da wir aber seit einiger Zeit bereits Leberdiät füttern, wollten wir das erst einmal beibehalten. Das bedeutet, der Hund bekommt nur ein paar Krümel durchgegartes Gehacktes, aufgefüllt mit Hüttenkäse, Gemüse und anderen Dingen. Die entsprechenden Mengen haben wir uns zur Sicherheit noch einmal ausrechnen lassen. Und was soll ich sagen, der Hund frisst ohne abzusetzen, baut Gewicht auf und ist fit wie ein Turnschuh.

    Grundsätzlich soll doch jeder so füttern wie er mag. Hauptsache ist doch, dass die Bedürfnisse des Hundes bedient werden und das der Hund die Fütterung verträgt. Und wenn ich dann noch Studien wie diese hier an die Hand bekomme, dann ist das doch eine perfekte Orientierung für mich. Neutrale und sachliche Informationen sind allgemein leider sehr rar gesät. Deshalb ein ganz dickes Dankeschön für diesen Artikel.

    LG Wolfhart

  5. Judith Tubbesing

    Der Grund wäre das Hunde nunmal keine Füchse sind sondern nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten ein domestizierter Wolf. Canis lupus familiaris, und Wold canis lupus.
    Die Innere Physiologie ist exakt die gleiche. und Wölfe sind auch nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten (einfach mal z.B. bei Dave Mech nachlesen) Carnivore.
    Wie wäre es also wenn man Hude mit ihren nächsten Verwandten den Wölfen vergleicht (im übrigen unterscheiden sich diese in der m-DNA um maximal (maximal!) 0,04% so ähnlich sind sich manch Menschen nicht) anstatt mit Füchsen und Waschbären, die gehören nichtmal der gleichen Art an.

    • Wenn der Vergleich so abwegig ist, kannst du mir sicherlich auch die unglaublich eklatanten physiologischen Unterschiede in den Verdauungstrakten von Fuchs und Wolf nennen?

      Und dann kannst du mir noch erklären, wo auf der Welt Hunde die ökologische Nische des Wolfes besetzen und sich entsprechend ernähren.

      Ob Hunde und Wölfe noch zur gleichen Art gehören oder besser doch als zwei eigenständige Arten betrachtet werden sollten, wird übrigens aktuell stark diskutiert. Wenn man sich die unterschiedlichen Lebensräume anschaut, ergibt es nämlich wenig Sinn, sie als eine Art zu betrachten.

      Man kann sich in der Betrachtung selbstverständlich ausschließlich auf physiologische Merkmale beschränken – wenn man aber Ökologie, Evolution und Genetik ausblendet, ist die Sichtweise möglicherweise etwas einseitig 🙂

  6. sehr interessant und gut gemacht

    • Judith Tubbesing

      nur leidet völliger Unfug. Die Lebenserwatung dieser Kotfressenden HUnde wäre in dem Zusammenhang auch nicht ganz unwichtig.
      Hunde sind nachweislich domestizierte Wölfe, eine Art, ich ernähre meine Hunde lieber die einen gut genährten Grauwolf ansatt wi halb verhungernde verwilderte Hunde 😉

      • Stimmt. Die Lebenserwartung eines freilebenden Tieres hat natürlich ausschließlich mit der Ernährung zu tun. Medizinische Versorgung (inklusive Impfungen), Kämpfe mit Rivalen, Umweltgegebenheiten (z.B. Verkehr) spielen dabei selbstverständlich keine Rolle. Schön, dass die Welt so einfach ist.
        In Gefangenschaft lebende Tiere haben übrigens generell eine höhere Lebenserwartung als freilebende Artgenossen.

        Und woher kommt eigentlich die Annahme, dass freilebende Hunde generell einen schlechteren Ernährungszustand haben als Wölfe?

        (Sorry, der angepisste Ton hat gerade weniger mit dir persönlich zu tun, als damit, dass ich diese relativ ideologischen Argumente einfach mittlerweile zu oft gehört habe. Und noch nicht genügend Kaffee hatte.)

      • Ganz toll. Ja Hunde fressen Kot. Ist das gut? Steht auf einem anderen Blatt. Unfug ist es nicht weil es einfach das grundlegende Thema des Artikels unterstützt.
        Kann man nicht einfach mal einen Artikel lesen ohne sich an irgendwelche Nebengedanken hochzuziehen und so zu tun, als ob das die ganze Aussage des Artikels in Frage stellt?

        Übrigens gib doch deinem Hund was immer du ihm geben willst – das ist der Welt völlig egal.

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