Stress bei Hunden – Teil 2 – SPARCS2015

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Bonne Beerda ist Verhaltensökologe und forscht an der Wageningen Universität in den Niederlanden. Sein wissenschaftliches Interesse reicht von der funktionalen Genomforschung zu verschiedenen tierethischen Fragestellungen. In seiner aktuellen Forschung konzentriert er sich vor allem auf die Einschätzung von Persönlichkeitsmerkmalen bei Hunden und Hund-Mensch-Beziehungen.

 

In seinem Vortrag wird Bonne Beerda die Komplexität der Interpretation von stressbezogenen Verhalten bei Hunden thematisieren. Er stellt verschiedene Stress-Reaktions-Muster sowie Stressbewältigungsstrategien von Hunden vor.

 

„Stress ist eine gute Sache, so lange sie nicht allzu lange andauert“

 

Valenz vs. Arousal

 

Laut Beerda sind viele Verhalten, die wir als Stress interpretieren, lediglich Anzeichen für Erregung (Arousal). Deswegen ist es wichtig die emotionale Wertigkeit (Valenz) in die Interpretation des Verhalten einzubeziehen.

 

Arousal bezeichnet den Grad der Aktivierung des zentralen Nervensystems eines Organismus. Im Schlaf hat man demnach ein sehr niedriges Erregungslevel. In Situationen, die zum Beispiel mit Angst oder sexueller Erregung verbunden sind, ist das Arousal hoch. Ein gefährliches Tier und ein potentieller Fortpflanzungspartner würden demnach ein ähnliches Erregungslevel verursachen. Was diese Situationen allerdings unterscheidet ist die Valenz, also die Wertigkeit der Empfindung. Während Angst wohl von den meisten Individuen als negativ empfunden wird, löst sexuelle Erregung vermutlich bei der Mehrheit positive Gefühle aus. Die Valenz bezeichnet also die emotionale „Richtung“ einer Empfindung. In der unteren Abbildung sehr ihr eine Darstellung der Beziehung zwischen Arousal und Valenz

 

 

Support vs. Ignorieren

 

Im Anschluss stellt Beerda eine Studie vor, in der untersucht wurde, wie Hunde auf die bedrohliche Annäherung einer fremden Person reagieren. Dabei sollte die Hälfte der Besitzer den Hund ignorieren, die andere Hälfte sollte ihn unterstützen (ruhig mit dem Hund reden und ihn streicheln). Außerdem wurde auf Basis eines Fragebogens vorher bestimmt, wie aggressiv sich die Hunde generell gegenüber Menschen verhalten.

 

Das Verhalten des Besitzers hatte einen direkten Einfluss auf die Reaktion des Hundes – allerdings werden bei freundlichen Hunden andere Verhalten ausgelöst als bei aggressiven Hunden. Während bei den freundlichen Hunden die Unterstützung des Besitzers positiv wirkte (sie also weniger aggressives Verhalten zeigten, als ohne Unterstützung), zeigten die Hunde mit einem hohen Aggressionswert deutlich mehr aggressives Verhalten gegenüber der bedrohlichen Person, wenn ihr Besitzer mit ihnen interagierte (siehe Abbildung unten). Beerda mutmaßt, dass die Hunde durch den Zuspruch ihres Besitzers weniger inhibiert sind und deswegen deutlicheres Aggressionsverhalten zeigen.

 

Screenshot Bonne Beerda SPARCS2015

Screenshot Bonne Beerda SPARCS2015

 

Soziale Bezugnahme

 

Dass das Verhalten des Besitzers Auswirkungen auf das Verhalten des Hundes hat, zeigt sich auch in einer anderen Studie: Hier wurde analysiert, ob sich der Hund in einer unklaren Situation an den emotionalen Äußerungen des Halters orientiert – also ob er soziales Referenzieren zeigt. Dabei näherten sich die Hunde einem unbekannten Objekt (Ventilator mit Plastikbändern) mehr, wenn der Besitzer positive Emotionen äußerte als wenn der Halter mit negativen Emotionen auf den Gegenstand reagierte.

 

Unterschiedliche Reaktionsstrategien

 

Wie auch schon aus der ersten Beispiel-Studie erkenntlich wird, haben Hunde unterschiedliche Strategien, um auf Stressreize zu reagieren. Eine aktuelle Studie hat untersucht, inwieweit die verschiedenen Verhaltensstrategien auch auf physiologischer Ebene messbar sind. Dazu wurden Hunde mit einem bedrohlichen Knurren aus einem Lautsprecher konfrontiert. 52.4% der untersuchten Hunde zeigten eine ausweichende Reaktion, 33.3% bewegten sich auf den Lautsprecher zu – verhielten sich also proaktiv – und 14.3% waren überhaupt nicht beeindruckt, d.h. sie zeigten keinerlei Verhaltensreaktion. In der darauffolgenden Analyse des Cortisol-Levels stellte sich heraus, dass die Hunde, die mit ausweichend-ängstlichen Verhalten reagierten ein deutlich höheres Level des Stresshormons aufwiesen, als die proaktiven Hunde. Das niedrigste Level hatten erwartungsgemäß die Hunde, bei denen die vermeintlich bedrohliche Situation keinerlei Verhaltensreaktion auslöste. Die physiologische Stressantwort spiegelt also das Verhalten wider. Mit welcher Lösungsstrategie der Hund in bedrohlichen Situationen reagiert, hängt vor allem von seinen Erfahrungen, aber auch von der Rasse ab.

 

Erkennen von Stresssignalen und Emotionen

 

Leider nehmen viele Hundebesitzer nur sehr deutliche Stresssignale bei ihren Hunden war. Weniger offensichtliche werden oft übersehen.

 

Screenshot Bonne Beerda SPARCS2015

Screenshot Bonne Beerda SPARCS2015

 

Allerdings sollte man auch aufpassen, dass man einzelne Signale nicht überbewertet und Kontext bzw. den Emotionszustand des Hundes in die Interpretation einbezieht.

So spiegelt zum Beispiel Schwanzwedeln lediglich ein erhöhtes Aufregungslevel wider. Für eine richtige Interpretation dieses Verhaltens müssen dazu noch andere Anzeichen des Emotionszustandes beachtet werden. Je nach Stimmungslage wedeln Hunde nämlich unterschiedlich. Generell sollte man nie ein Signal allein betrachten sondern immer die Kombination aller Signale sowie Körperhaltung, Gesichtsausdruck usw. in die Interpretation des Verhaltens einbeziehen.

 

Das Fazit dieses tollen Vortrags lautet: Stresssignale sowie Anzeichen des Emotionszustandes des Hundes sollten immer in Kombination betrachtet werden.

 

 

Die Zusammenfassungen weiterer Vorträge findet ihr hier:

 

„Lernen und Gedächtnis“ – Teil 1: Über die Gesetze der Verknüpfung und mentale Zeitreise bei Tieren:
http://hundeprofil.de/lernen-und-gedaechtnis-zusammenfassung/

 

„Lernen und Gedächtnis“ – Teil 2: Über die Forschung zu individuellen Unterschieden bei Hunden und wie soziales Lernen in der Hund-Mensch-Interaktion funktioniert:
http://hundeprofil.de/sparcs2015-lernen-und-gedaechtnis-teil-2/

 

„Hunde rund um die Welt“- Teil 1: Über die Jagd mit Hunden im nicaraguanischen Regenwald und warum nicht jeder Streuner ein Zuhause sucht:
http://hundeprofil.de/hunde-rund-um-die-welt-teil-1-sparcs2015

 

„Hunde rund um die Welt“ – Teil 2: Was die neue Wissenschaft der Mensch-Tier-Interaktionen über unsere Beziehung zu Hunden aussagt:
http://hundeprofil.de/hunde-rund-um-die-welt-teil-2-sparcs2015

 

„Stress bei Hunden“ – Teil 1: Die endokrinen Grundlagen von Stress und die Frage, ob Stress dumm macht:
http://hundeprofil.de/stress-bei-hunden-teil-1-sparcs2015/

 


 

Beitragsbild:
„Dos Pesos Yawning“ von  Stewart Butterfield/Flickr unter CC

 

 

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