Hunde rund um die Welt – Teil 1- SPARCS2015

Am zweiten Tag der SPARCS2015 gab es viele interessante Beiträge zum Thema „Hunde rund um die Welt“. In diesem Beitrag stelle ich die ersten beiden Vorträge zum Thema vor. Zum einen konnte man etwas über die Jagd mit Hunden der indigenen Völker in Nicaragua lernen und zum anderen erklärt Kathryn Lord, warum nicht jeder Streuner ein Zuhause sucht.

 

„Die Jagd mit Hunden im tropischen Regenwald“

 

Als Erster sprach Jeremy Foster. Er ist Verhaltensökologe, der indigene Völker in Nicaragua untersucht. Ein Forschungsschwerpunkt ist dabei die Verwendung von Jagdhunden in vorindustriellen Gesellschaften.

 

dog in the jungle

 

In seinem Vortrag stellt er seine anthropologische Forschung zur Verwendung von Jagdhunden in indigenen Völkern in Nicaragua vor. In den von Koster beobachteten Völkern ist die Jagd mit Hunden sehr gebräuchlich.

Allerdings läuft da die Jagd anders ab, als es wir es kennen. Die Hunde werden zum Beispiel nicht ausgebildet. Das bedeutet also, ein Hund ist entweder als Jagdhund geeignet oder eben nicht. Oft sind ältere und männliche Hunde die erfolgreicheren Jagdhunde. Der Jäger geht mit dem Hund in den Regenwald und lässt ihn von der Leine. Dann wartet er an Ort und Stelle bis sein Hund eine Jagdbeute gefunden hat und dies durch Bellen anzeigt. Der Jäger folgt dem Bellen zum Beutetier.

 

„Würden die Hunde nicht bellen, wären sie nutzlos!“

 

Möglicherweise wurden Hunde also aus jagdlichen Gründen auf das Bellen selektiert (im Gegensatz zu Hunden bellen Wölfe nur sehr wenig). Dies könnte auch der Grund für die Domestikation sein (allerdings gibt es dazu keine Daten, es bleibt also eine Vermutung).

 

Welche Vorteile bietet die Jagd mit Hunden?

 

85% aller erlegten Landsäugetieren werden mit Hilfe von Hunden gejagt. Warum ist das so? Welche Vorteile bringt die Jagd mit Hunden gegenüber der Jagd mit Schusswaffen?

 

In einer Studie vergleicht er die Kosten und Nutzen der Jagd mit Hunden mit der Jagd mit Schusswaffen.

 

Vorteile Hund:

  • Für den Halter: Mit Hund erhöht sich die Chance auf ein Beutetier zu treffen um ein Vielfaches (allein begegnet der Jäger einem Agouti pro Tag, mit Hund sind es 9!)
  • Für den Halter: Hunde sind günstiger in der Anschaffung (nur ¼ der Bewohner kann sich eine Schusswaffe leisten)
  • Für die Umwelt: Tiere, die sich leicht vermehren, werden häufiger vom Hund erjagt – es gibt also ein geringeres Risiko der Überjagung
  • Für die Umwelt: baumlebende Tiere (u.a. Primatenarten, die stark vom Aussterben bedroht sind) werden durch die Jagd mit Hund verschont

 

Nachteile Hund:

  • Für den Halter: da die Hunde nicht auf bestimmtes Wild ausgebildet werden, zeigen sie quasi alles an, was sich bewegt (unabhängig davon, ob das Tier bejagbar ist oder nicht). Dadurch wird viel Zeit verschwendet.
  • Für den Halter: Hunde kosten mehr im Unterhalt als eine Schusswaffe
  • Für den Halter: Die Hunde produzieren nicht so viel Energie, wie sie verbrauchen.

 

Aus ökonomischer Sicht macht es für diese Menschen keinen Sinn, Hunde zu halten – demnach muss es noch anderen Nutzen geben.

Vermutlich ist die Antwort ganz einfach: Sie mögen ihre Hunde! (Es wird wieder das gute alte Oxytocin als Erklärung herangezogen).

 

A dogs life

 

„Wenn ein Streuner nicht entlaufen ist“

 

Der zweite Vortrag zum Thema kam von Kathryn Lord mit dem Titel „Wenn ein Streuner nicht entlaufen ist“.

Kathryn Lord untersucht die evolutionäre Entwicklung des Verhaltens von Tieren sowie die Anwendung der Ergebnisse auf das Management von Haus-und Wildtieren. Ihr Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Hund-Wolf-Vergleich sowie dem Vergleich mit anderen Canis-Arten – insbesondere in Hinsicht auf das Fortpflanzungsverhalten. In ihrem Vortrag diskutiert Kathryn Lord die Unterschiede im Fortpflanzungsverhalten von Wölfen und Hunden.

 

Kathryn Lord begann ihren Vortrag mit einem Gedankenspiel:

 

„Stellen sie sich einen Hund vor! Was sehen sie?“

 

Vermutlich würden die allermeisten Menschen dabei an einen „normalen“ Haushund denken. Allerdings ist das nicht der Großteil der weltweiten Hundepopulation. Ganz im Gegenteil: Gerade einmal 17% der ca. 700.000.000 Hunde leben in menschlicher Obhut.

 

83% aller Hunde leben ohne menschliche Kontrolle

 

Diese Hunde sind nicht etwa ausgesetzte Hunde, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Zuhause mit einem warmen Sofa. Nein, diese Hunde sind wildlebende Tiere, die auch als solche betrachtet werden sollten! Sie leben meist in der Nähe von Müllhalden und durchstöbern den Abfall nach Fressbarem und pflanzen sich fort.

Bei seinem Fortpflanzungsverhalten weist der Hund gleich mehrere Unterschiede zu allen anderen Canis-Arten auf:

 

Saisonabhängigkeit:

Mit Ausnahme des Hundes, hängt die Fortpflanzung bei allen Canis-Arten von der Jahreszeit ab. Sowohl Weibchen als auch Männchen unterliegen dabei saisonbedingten physiologischen Veränderungen. Dies ist eine Anpassung an die Umwelt, damit die Welpen immer geboren werden, wenn auch genug Futter verfügbar ist. Hunde hingegen können sich das ganze Jahr fortpflanzen.

 

Geschlechtsreife:

Die meisten Canis-Arten werden – je nach Größe – zwischen 1-2 (kleinere Arten, z.B: Schabrakenschakal) bzw. 2-3 Jahren (größere Arten, z.B. Wolf) geschlechtsreif.

Die Größe bestimmt also die Geschlechtsreife.

Wildlebende Hunde wiegen ungefähr 13 kg und werden bereits mit einem Jahr geschlechtsreif.

 

Paarbindung:

Bis auf den Hund bilden alle Canis-Arten Paare. Sie beschützen das Territorium zusammen, ziehen die Welpen gemeinsam groß und verteidigen sich gegenseitig gegen Konkurrenten.

Im Gegensatz dazu sind Hunde absolut promiskuitiv. Hündinnen paaren sich mit verschiedenen Rüden und Rüden paaren sich mit verschiedenen Hündinnen.

 

Brutpflegeverhalten:

Die meisten Canis-Arten zeigen ein ausgeprägtes Brutpflegeverhalten. Beide Elternteile kümmern sich um den Nachwuchs. In guten Jahren beteiligen sich auch die älteren Geschwister bei der Jungenaufzucht (z.B. in dem sie Futter hervorwürgen). In Jahren mit schwierigen Bedingungen ist das nicht der Fall. Frei nach dem Motto:

 

„Du willst deine bereits gegessenes Steak nicht teilen? Dann reck den Kopf nach oben und lass die Welpen nicht lecken!“

 

Bei Hunden kümmert sich weder der Rüde noch die Geschwister um den Nachwuchs.

 

Sind Hunde degeneriert?

 

Warum ist das Fortpflanzungsverhalten von Hunden so anders? Stellt es eine „Degenerierung“ dar, weil die Welpen mit unserer Unterstützung in unserem warmen Haus aufgezogen werden?

 

Nein – es ist eine Anpassung an ihren Lebensraum:

 

Hunde, die in/nahe Müllhalden leben, müssen nicht jagen – sie können also viel eher für sich selbst sorgen und deshalb ist intensive Brutpflege nicht notwendig. Die Nachkommen andere Canis-Vertreter hingegen müssen versorgt werden, bis sie selbstständig jagen können.

 

Müll wird auch konstant über das ganze Jahr produziert, also haben freilebende Hunde auch das ganze Jahr Futter zur Verfügung. Wenn alle Welpen zur selben Zeit geboren würden, würden alle gleichzeitig um das Futter konkurrieren. Es ist also eine günstigere Strategie, die Würfe auf das ganze Jahr zu verteilen.

 

Die Fortpflanzungsstrategie wurde also entsprechend der ökologischen Nische (die Müllhalde) geändert, so dass die Hunde perfekt an ihren Lebensraum angepasst sind.

 

Vielen Dank Kathryn Lord für diese interessanten Ansichten!

 

Die Zusammenfassungen weiterer Vorträge findet ihr hier:

 

„Lernen und Gedächtnis“ – Teil 1: Über die Gesetze der Verknüpfung und mentale Zeitreise bei Tieren:
http://hundeprofil.de/lernen-und-gedaechtnis-zusammenfassung/

 

 

„Lernen und Gedächtnis“ – Teil 2: Über die Forschung zu individuellen Unterschieden bei Hunden und wie soziales Lernen in der Hund-Mensch-Interaktion funktioniert:
http://hundeprofil.de/sparcs2015-lernen-und-gedaechtnis-teil-2/

 

 

„Hunde rund um die Welt“ – Teil 2: Was die neue Wissenschaft der Mensch-Tier-Interaktionen über unsere Beziehung zu Hunden aussagt:
http://hundeprofil.de/hunde-rund-um-die-welt-teil-2-sparcs2015

 

„Stress bei Hunden“ – Teil 1: Die endokrinen Grundlagen von Stress und die Frage, ob Stress dumm macht:
http://hundeprofil.de/stress-bei-hunden-teil-1-sparcs2015/

 

„Stress bei Hunden“ – Teil 2: Über die Komplexität von Stresssignalen sowie verschiedene Stress-Reaktions-Muster und Stressbewältigungsstrategien:
http://hundeprofil.de/stress-bei-hunden-teil-2-sparcs2015/

 

 


 

Bilder:

„djungle-doge“ von kenzie campbell/ Flickr unter CC

„A dog’s life“ von Bala Sivakumar/ Flickr unter CC

 

 

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Ein Kommentar

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