Wie sinnvoll sind Welpentests?

Welpentests werden – wie der Name schon sagt – bei wenige Tage bis wenige Wochen alten Hunden durchgeführt. Sie sollen Auskunft über die Persönlichkeit des Hundes geben und zum Beispiel dabei helfen, einen geeigneten Besitzer zu finden oder eine Vorhersage darüber treffen, ob der Hund als Diensthund bei Polizei oder Militär oder als Servicehund geeignet ist. Auch soll damit eine höhere Anfälligkeitswahrscheinlichkeit, für bestimmte Verhaltensprobleme frühzeitig erkannt werden. Bisherige Studien über die Aussagekraft dieser frühen Tests liefern allerdings widersprüchliche Ergebnisse.

Es gibt vor allem zwei Typen von Welpentests, die häufig so oder so ähnlich durchgeführt werden: Der Biotonus-Test und der 6-Wochen-Test

Der Biotonus-Test

Der Biotonus-Test wurde in den 1970ern von Eberhard Trumler entwickelt. In der ursprünglichen Form dieses Tests wird der Welpe direkt nach der Geburt in die Mitte eines Brettes oder einer Decke gelegt, auf dem 16 bezifferte Felder markiert sind. Der Welpe wird nun vier Minuten lang beobachtet und es wird gemessen, wie viel er sich bewegt, also wie viele Felder er „durchquert“. Außerdem wird analysiert wie viele und wie intensive Lautäußerungen er von sich gibt. Nach Trumlers Interpretation besitzt ein Welpe, der sich in dieser Situation viel bewegt, einen hohen „Biotonus“ beziehungsweise Lebenswillen. Welpen, die sich hier kaum bewegen, würden wenig Lebenswillen besitzen und wären in der freien Natur nicht überlebensfähig.

Auch heutzutage wird dieser Test so oder in leicht abgewandelter Form von vielen Züchtern durchgeführt. Man erhofft sich davon, Hinweise über die spätere Persönlichkeit des Hundes zu erhalten. So soll der Test zum Beispiel vorhersagen, wie schreckhaft und ängstlich, wie aktiv oder wie kooperationsbereit der Hund später ist. Allerdings gibt es bis dato keinerlei wissenschaftliche Daten, die die Aussagekraft dieses Tests belegen.

Der 6-Wochen-Test

Ähnlich sieht es auch für den sogenannten 6-Wochen-Test aus, der 1975 von Campbell entwickelt wurde und auch heute noch in ähnlicher Form angewendet wird. Mit diesem Test soll unter anderem festgestellt werden, wie dominant, gesellig oder aggressiv ein Hund ist. Wie der Name schon andeutet, wird dieser Test meist im Alter von sechs Wochen durchgeführt. Dabei wird das Verhalten des Welpen in unterschiedlichen Situationen analysiert (ausführlichere Infos dazu im Buch).

Es wird zum Beispiel untersucht, wie er sich in einem unbekannten Raum verhält, wie er auf einen fremden Menschen reagiert, wie er sich verhält, wenn man ihn auf den Rücken dreht oder ob er sich hochheben lässt. Bisherige Untersuchungen über die Vorhersagekraft dieses Tests ergeben kein eindeutiges Bild.

Langzeitstudie

In einer Längsschnittstudie haben Stefanie Riemer und ihre Kolleginnen von der Universität Wien Border Collies in verschiedenen Lebensabschnitten verschiedenen Persönlichkeitstest unterzogen. Zunächst wurden 99 Border Collies im Alter von 2-10 Tagen dem sogenannten „Neugeborenentest“ unterzogen, der dem oben erwähnten Biotonustest ähnelt. Eine weitere Untersuchung fand im Alter von 40-50 Tagen statt (Welpentest). Hierbei wurden 134 Welpen bei ihren Züchtern getestet (einschließlich 93 Individuen, die bereits im Neugeborenentest untersucht wurden). 50 von ihnen nahmen im Alter von 1,5 – 2 Jahren abermals an einem Verhaltenstest teil (Erwachsenentest). Ziel dieser Studie war es, herauszufinden, ob man mit dem Neugeborenen- bzw. Welpentest zukünftiges Verhalten vorhersagen kann.

In dem Neugeborenentest wurde die Mutter ca. 2 Stunden vor Testbeginn vom Wurf separiert. Im Test wird der Welpe dann in die Mitte einer Decke gesetzt, welche in 16 Quadrate unterteilt ist. Die Wissenschaftler haben gemessen, wie oft sich der Welpe bewegte, wie viele Quadrate er berührte und wie lange bzw. wie intensiv seine Lautäußerungen waren. Nach zwei Minuten nahm die Versuchsleiterin den Hund hoch und lies ihm am Finger saugen. Dabei wurde die Saugintensität bewertet.

Sowohl der Welpentest, der im Alter von 40-50 Tagen durchgeführt wurde (ähnlich dem vorgestellten 6-Wochen-Test), als auch der Erwachsenentest enthielt Untersuchungen in folgenden Kategorien:

  • Erkundungsverhalten in der neuen Umgebung
  • Interaktion mit einer unbekannten Versuchsleiterin
  • Spielsituation
  • Reaktion auf ein unbekanntes Objekt
  • sozialer Konflikt (bei den Welpen drei Tests, in denen sie in ihrer Bewegung stark eingeschränkt wurden und bei den Erwachsenen eine bedrohliche Annäherung durch den Versuchsleiter)

Die Wissenschaftler konnten keinerlei Zusammenhang zwischen den Messwerten im Neugeborenentest und den Messungen im Welpen- bzw. Erwachsenentest finden. Der Neugeborenentest hat also keinerlei Vorhersagekraft. Weder kann er Hinweise darauf geben, wie sich der Hund im Alter von ca. 6 Wochen verhalten wird, noch wie das Verhalten im Erwachsenenalter aussieht. Auch der Vergleich zwischen dem Welpentest und dem Erwachsenentest ergab nur einen einzigen Zusammenhang: Das Erkundungsverhalten in der fremden Umgebung. Je mehr Erkundungsverhalten der Welpe in dem unbekannten Raum gezeigt hat, umso aktiver war er auch als Erwachsenenalter in einer vergleichbaren Situation.

Weder das zukünftige Sozialverhalten, die Reaktion auf unbekannte Menschen oder unbekannte Objekte, noch das Verhalten in einer sozialen Konfliktsituation lassen sich durch diesen Test vorhersagen. Also kann auch der Welpentest, der im Alter von 6-7 Wochen durchgeführt wurde, nur eine sehr begrenzte Aussage über das zukünftige Verhalten des Hundes treffen.

Kaum Aussage über Ängstlichkeit

Die Aussagekraft von Welpentests über das Verhalten im Erwachsenenalter ist interessanterweise vor allem hinsichtlich der Ängstlichkeit gering. In einem Übersichtsartikel, in dem 31 „Persönlichkeitstests“ für Welpen ausgewertet wurden, zeigt sich, dass die Ängstlichkeit die wenigste beständige Persönlichkeitsdimension war. Beispielsweise gab es in einem Test für Waffen-und Sprengstoffsuchhunde eine umgedrehte Korrelation zwischen der Angst vor rutschigen Oberflächen mit 8 Wochen und bei einer wiederholten Testung mit 11 Monaten. Die Welpen, die sich also mit 8 Wochen besonders ängstlich in dieser Situation verhalten haben, haben mit 11 Monaten eher die wenigsten Probleme mit der gleichen Situation (Rooney et al. 2003). Möglicherweise ergibt sich diese Diskrepanz aus der Tatsache, dass die „Schwächen“ des Welpen durch die Testung aufgedeckt wurden und diese problematischen Situationen gezielt trainiert werden können. Um also möglichem Problemverhalten im Erwachsenenalter vorzubeugen, ergibt die Einschätzung des Welpenverhaltens durchaus Sinn.

Ähnliche Ergebnisse bei anderen Arten

Vergleichbare Ergebnisse wurden auch in einem ähnlichen Test mit Wolfwelpen erzielt, der in den 1980ern von Kevin MacDonald durchgeführt wurde. Er stellte fest, dass sich die individuellen Verhaltensunterschiede erst ab dem 86. Tag stabilisieren. Innerhalb dieses Entwicklungszeitraumes gab es sogar drastische Veränderungen. So wurde der ursprünglich ängstlichste Wolfswelpe später derjenige, der im Vergleich zu seinen Geschwistern am freundlichsten auf Menschen zuging.

Diese Ergebnisse sind nicht überraschend, denn auch bei anderen Tierarten, zum Beispiel Makaken oder Pavianen, aber auch beim Menschen, gibt es kaum einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten in den ersten Lebenswochen/-monaten und der späteren Persönlichkeit. Es spielen nämlich auch folgende Lebensabschnitte eine wichtige Rolle in der Wesensausbildung. Zum Beispiel in der Pubertät. Während dieser Zeit gibt es tiefgreifende Veränderungen im zentralen Nervensystem. Und das betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Hunde.

Aussagen über IST-Zustand!

Sowohl der Neugeborenen-, als auch der Welpentest stellen nur eine Momentaufnahme dar. Sie können zwar den „Ist“-Zustand der individuellen Unterschiede der Welpen aufzeigen, haben aber kaum Aussagekraft über das zukünftige Verhalten des Hundes. Auch wenn die Sozialisierungsphase eine sehr wichtige Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung eines Hundes hat, spielen auch spätere Umwelteinflüsse eine Rolle. Denn alle individuellen Erfahrungen während des gesamten Lebens haben Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung.


Mehr Infos zur Persönlichkeit des Hundes in meinem Buch:


Quellen:

Fratkin, J. L., Sinn, D. L., Patall, E. A., & Gosling, S. D. (2013). Personality consistency in dogs: a meta-analysis. PloS one8(1), e54907.

MacDonald, K. (1983). Stability of individual differences in behavior in a litter of wolf cubs (Canis lupus). Journal of Comparative Psychology, 97(2), 99.

Riemer, S., Müller, C., Virányi, Z., Huber, L., & Range, F. (2014). The predictive value of early behavioural assessments in pet dogs–a longitudinal study from neonates to adults. PloS one9(7), e101237.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für die Ausführungen.
    Das Thema ist sehr interessant und hier zeigt sich wieder, dass eine vorherrschende Meinung und ggf. Logik, sich nicht immer in der Realität widerspiegelt bzw. ggf. verzerrt wird.

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