Schlau, schlauer, am schlausten

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Erschienen in DER HUND, Ausgabe 03/2016

 

Es wird gern und viel diskutiert, welcher Hund klüger ist als andere, doch selten kommt dabei etwas heraus. Es fehlt an Objektivität. Aber es gibt immer wieder Versuche, die Intelligenz von Tieren empirisch zu erfassen.

 

Fragt man Hundehalter danach, welche Hunderassen besonders schlau sind, hört man als Antwort häufig „Pudel“ oder „Border Collie“. Gern wird auch der eigene Hund als besonders intelligent empfunden. Auch viele Rassebeschreibungen stellen heraus, wie klug die jeweiligen Hunde seien. Manche Rassen werden als „außergewöhnlich intelligent“ bezeichnet, anderen bescheinigt man ein „hohes Maß an Intelligenz“. Aber ist das tatsächlich so? Gibt es Hunderassen, die intelligenter sind als andere? Wann gilt ein Tier als intelligent und wie kann man das überhaupt messen?

 

Um diese Fragen zu beantworten, muss erst einmal geklärt werden, was Intelligenz eigentlich ist. Und das ist gar nicht so einfach. Vereinfacht gesagt, beschreibt Intelligenz die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen. Um die zu messen, hat man zum Beispiel den „Intelligenzquotienten“ erfunden, der mithilfe sogenannter IQ-Tests ermittelt wird. Allerdings gibt es diverse Versionen solcher Tests, die sich in vielen Aspekten unterscheiden und von denen keine alle Teilbereiche der Intelligenz umfasst. Vielmehr werden in den meisten Tests andere wichtige Persönlichkeitsmerkmale, zum Beispiel die emotionale Intelligenz, völlig außer Acht gelassen. Auch aus diesen Gründen sind Intelligenztests sehr umstritten.

 

Tierische Intelligenz

 

Wenn sich die Definition des Intelligenzbegriffs schon beim Menschen so schwierig gestaltet, wie soll das dann bei Tieren gelingen? Sind Orang-Utans zum Beispiel intelligenter als Menschen, weil sie Problemaufgaben lösen können, mit denen Kinder unter sechs Jahren Schwierigkeiten haben? Und sind Hunde etwa intelligenter als Menschenaffen, weil sie verschiedene Aspekte der menschlichen Kommunikation besser verstehen? Oder doch dümmer, weil sie Schwierigkeiten haben, kausale Zusammenhänge zu erkennen? Welche Fähigkeiten sind wichtiger als andere und wer beurteilt das?

 

Es scheint nahezu unmöglich, objektiv zu beurteilen, wie „intelligent“ ein Tier ist. Teil des Problems ist, dass das Intelligenz-Konzept eindimensional ist. Ein Individuum kann entweder viel oder wenig Intelligenz besitzen und wird entsprechend als schlau oder dumm bezeichnet. In der Wissenschaft versucht man daher, den Begriff Intelligenz zu vermeiden, und spricht stattdessen von kognitiven Fähigkeiten. Unter den Kognitionsbegriff fallen alle mentalen Prozesse und Strukturen, die mit Wahrnehmen und Erkennen zu tun haben. Dazu gehören zum Beispiel Denken, Schlussfolgern, Problemlösen, Planen und Erinnern. Dieses Konzept ermöglicht es, das Erkenntnisvermögen einzelner Tierarten mehrdimensional zu betrachten und die Ergebnisse miteinander zu vergleichen. Je nach Lebensraum sind die kognitiven Fähigkeiten eines Tiers in bestimmten Bereichen mehr oder weniger stark ausgebildet. So hat ein sozial lebendes Tier vermutlich bessere sozio-kognitive Fähigkeiten als eine solitär lebende Tierart, die in ihrem natürlichen Umfeld nur selten mit Artgenossen interagiert. Und Tierarten, die bei der Futterbeschaffung auf den Gebrauch von Werkzeugen angewiesen sind, werden eben auf diesem Gebiet gut abschneiden.

 

Hunde gelten als besonders schlau

 

Hunde teilen sich ihren Lebensraum mit uns Menschen. Da sie viele Aspekte unserer Umwelt verstehen, nehmen wir sie auch gern als besonders clever wahr. Tatsächlich werden Hunde allgemein schlauer eingeschätzt als zum Beispiel Schweine, Kühe, Schafe oder Hühner. In einer Umfrage der Monash University in Melbourne vermutete fast die Hälfte aller Befragten, dass Hunde die mentalen Fähigkeiten eines 3- bis 5-jährigen Kindes besitzen. Ein Viertel aller Befragten war sogar der Meinung, dass Hunde schlauer seien als die meisten Menschen.

 

Ohne Zweifel zeigen Hunde in vielen kognitiven Bereichen erstaunliche Fähigkeiten. Sie verstehen Aspekte der menschlichen Kommunikation deutlich besser als zum Beispiel Menschenaffen. Sie wissen, was wir sehen können und was nicht, und sind sehr sensibel dafür, in welchem Maß unsere Aufmerksamkeit auf sie gerichtet ist. Neuere Untersuchungen stützen die Vermutung, dass Hunde unsere Gefühle wahrnehmen und einschätzen können. Die treuen Vierbeiner sind also perfekt an das enge Zusammenleben mit uns angepasst. Allerdings schneiden sie in anderen Gebieten sehr schlecht ab. So scheinen sie zum Beispiel im Gegensatz zu Menschenaffen oder Rabenvögeln nur wenig Verständnis für kausale Zusammenhänge zu besitzen – vermutlich benötigen Hunde dies in ihrer Umwelt nicht.

 

Finden wir uns damit ab, dass es unmöglich ist, die „Schlauheit“ von Tieren wissenschaftlich zu erfassen und zu vergleichen, aber wie sieht es innerhalb der Gattung Hund aus? Gibt es Intelligenzunterschiede zwischen den einzelnen Rassen?

 

Intelligenz oder Motivation?

 

Stanley Coren stellt in seinem Buch „Die Intelligenz der Hunde“ eine Rangliste auf, in der er verschiedene Hunderassen nach deren vermeintlicher Intelligenz einordnet. Grundlage dieses Rankings war eine Umfrage unter Preisrichtern bei Gehorsamswettbewerben für Hunde. Die Richter wurden gefragt, welche zehn Rassen sie für besonders schlau beziehungsweise für besonders dumm halten. Nicht überraschend fielen dabei Border Collie, Deutscher Schäferhund, Dobermann und Australian Cattle Dog in die Kategorie der „schlausten Hunde“, während Beagle, Afghane, Englische Bulldogge und Pekinese mit das Schlusslicht bildeten. Das Ranking zeigt, dass die befragten Preisrichter den Eindruck haben, dass Border Collies schneller „Sitz“ lernen als zum Beispiel Afghanen – mehr nicht. Es sagt rein gar nichts aus über die kognitiven Fähigkeiten der Rassen, sondern spiegelt möglicherweise einfach nur die Motivation für die Zusammenarbeit mit dem Menschen wider. Vielleicht legt ja der typische Halter eines Deutschen Schäferhundes oder eines Dobermanns auch nur sehr viel mehr Wert auf ein sauberes „Sitz“ oder „Fuß“ als der Halter einer Englischen Bulldogge oder eines Pekinesen.

 

Tatsächlich gibt es nur sehr wenige wissenschaftliche Untersuchungen zum Vergleich kognitiver Fähigkeiten von Hunderassen. In den 50er-Jahren wurden in einer systematisch angelegten Untersuchung die Verhaltensweisen fünf verschiedener Rassen verglichen. Die Wissenschaftler John Scott und John Fuller zogen in ihrem eigens dafür errichteten Institut unter identischen Bedingungen Basenjis, Shelties, Beagle, Foxterrier und Cocker Spaniels auf und unterzogen sie verschiedenen Verhaltenstests. Tatsächlich fanden die Forscher Unterschiede in den Verhaltensweisen der Rassen, die auf den ersten Blick auch auf Unterschiede in der Intelligenz hindeuten könnten. In einem Test, bei dem die Hunde ein Hindernis umgehen mussten, um an Futter zu gelangen, schnitten Basenjis zum Beispiel besser ab als Cocker Spaniels. Allerdings lösten sie die Aufgabe eher zufällig, weil sie schlicht länger aktiv blieben, während die Cocker bald aufgaben und sich lieber hinlegten. Bei einer Labyrinth-Aufgabe waren Beagle erfolgreicher als Shelties – vermutlich, weil sie ununterbrochen ihre Umgebung untersuchten, während sich die Shelties zurückhaltender verhielten. So war wohl auch hier für gutes Abschneiden eher die Motivation ausschlaggebend und nicht die kognitiven Fähigkeiten.

 

Selektion und Erfahrung

 

Auch neuere Untersuchungen decken rassebedingte Unterschiede im Lösen bestimmter Aufgaben auf. So reagieren Arbeitsrassen, die für eine enge Zusammenarbeit mit dem Menschen gezüchtet wurden, besser auf Zeigegesten als Rassen, deren ursprüngliche Aufgaben mehr Selbstständigkeit verlangt haben. Hier spielt vermutlich der Grad der Aufmerksamkeit dem Menschen gegenüber eine Rolle. Zum Beispiel schauen Jagd- und Hütehunde mehr zum Menschen als Molossoide, wenn sie eine Aufgabe nicht selbstständig lösen können. Das heißt aber nicht, dass diese Rassen schlauer sind, sondern nur, dass sie darauf selektiert wurden, stärker mit dem Menschen zu kommunizieren.

 

Hinzu kommt, dass Ausbildung und Erfahrungen eines Hundes einen größeren Einfluss auf die Ausprägung der kognitiven Fähigkeiten zu haben scheinen als die Rasse. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass besser ausgebildete Hunde weniger Probleme haben, bestimmte Aufgaben zu lösen.

 

Erwartungsgemäß zeigt sich in Sachen „Rassenintelligenz“ kein eindeutiges Bild. Man kann von der Rasse eines Hundes nicht auf seine Klugheit schließen. Wenn Unterschiede zwischen den Rassen gefunden werden, liegen diese meist in deren Funktion beziehungsweise Selektion begründet oder haben schlicht morphologische Ursachen. Zudem untersuchen die Studien jeweils nur einen kleinen Aspekt der tierischen Kognition und lassen schlicht keine allgemeingültigen Schlüsse über die „Intelligenz“ einer Rasse zu.

 

Die Frage, welche Hunderasse denn nun am intelligentesten ist, lässt sich also genauso wenig beantworten, wie die Frage, welche Tierart die schlauste ist. Das wäre ungefähr, als ob man entscheiden müsste, welches Werkzeug das bessere ist: Hammer oder Schraubenzieher? Es kommt immer auf den Kontext an und darauf, was man gerade benötigt. Wie schlau ein Hund ist, lässt sich kaum objektiv einschätzen; verlässliche wissenschaftliche Messmethoden gibt es bis dato nicht. Somit fehlen auch wissenschaftliche Belege dafür, ob es schlauere und dümmere Hunderassen gibt.

Allerdings gibt es auch keine Belege dagegen.

 


Beitragsbild:

„Rio the Black Mixed-Breed Dog in Glasses 2“ von Found Animals Foundation/Flickr unter CC BY-SA 2.0

 

 

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9 Kommentare

  1. Sehr informativer Beitrag! Vielen Dank fürs teilen!

  2. Interessanter Artikel. Ich persönlich halte meinen Hund für außergewöhnlich intelligent (logisch 😉 ). Ich bin lange Zeit davon ausgegangen, dass sich Intelligenz bei Hunden dadurch äussert, wie schnell sie Dinge lernen. Allerdings ist dies natürlich ein sehr subjektives Kriterium und ich schließe dabei auch irgendwie vom Menschen auf den Hund. Wie bereits sehr gut im Artikel erklärt, spielt Motivation und Wille / Fähigkeit zur Kommunikation eine entscheidende Rolle. Und vor allem Training. Es gibt viele Hunde, die nie gelernt haben „zu lernen“. Meine Fellnase trainiert seit dem Welpenalter Tricks und muss „Aufgaben“ erfüllen (was er sehr gern tut und auch einfordert) und wenn er erst einmal im „Arbeitsmodus“ ist, bietet er von sich aus ganz viele Sachen an, probiert aus, achtet auf jede noch so kleine Geste meinerseits und weiß sofort, wann er etwas „richtig“ gemacht hat (und wiederholt dies dann). Klar, hat er dieses „Lernverhalten“ erlernt und seinen Enthusiasmus und seine schnelle Auffassungsgabe sollte man nicht mit Intelligenz verwechseln, aber er hat bereits im Welpenalter erstaunlich schnell begriffen, was ich eigentlich von ihm wollte. Wobei sich mir dann die Frage stellt, ob dies nun ein Zeichen für Intelligenz ist oder ob es bei Hunden auch so etwas wie „Talent“ / „Natürliche Begabung“ eine Rolle spielen.
    Ich betreue seit ein paar Monaten immer wieder Pflegehunde aus Tierheimen, die zu mir kommen und überhaupt nichts können und bin immer wieder erstaunt, wie lange diese Hunde brauchen, bestimmte Dinge zu erlernen. Und wie schwierig dies manchmal ist. Irgendwann fällt beim Hund der Groschen und er merkt, dass ein „Sitz“ die Krönung der Schöpfung ist und er bietet es überall und jederzeit unaufgefordert an. Der Schritt zum „Platz“ zieht sich dann aber über mehrere Tage hin, weil sie gar nicht verstehen, warum das „Sitz“ jetzt nicht mehr gewollt ist und sie etwas anderes tun sollen, um die Belohnung zu bekommen. Aber da bin ich wohl von meinem eigenen Hund verwöhnt worden, der alles innerhalb von ein paar Minuten kapiert. :-) Schlussendlich hat dieses „Auf dem Schlauch stehen“ aber nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, sondern tatsächlich mit ihrer Unerfahrenheit.

    Warum ich jedoch eigentlich kommentiert habe: Ich habe gerade mehrere Artikel gelesen und in diesem Artikel beziehen Sie sich bereits das 2. Mal auf wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, dass Hunde beurteilen können, wie wir als Menschen unsere Umwelt wahrnehmen. Sind Sie so lieb, mir einen Artikel zu dem Thema / diesen Studien zu verlinken? Ich finde das Thema spannend, wurde aber bei Google nicht recht fündig.

  3. Hallo Marie, wieder ein sehr interessanter Beitrag, hab viel Neues dazu gelernt. Vor allem haben mir die paar Sätze zu uns Molossern gefallen 😉 Ich sags ja schon immer, so ganz unwissenschaftlich hündisch halt: wir sind nicht dumm…oder auch nicht dickköpfig, wie mein 2-beiniges Cerebral-Interface manchmal meint 😉 wir sind halt nur sehr eigenständig :-) Danke und nen dicken Abschlecker!

  4. Leider werden hier die empirischen Wissenschaften ganz vergessen!

  5. Marion Oberender

    Danke auch für die Hintergrundinformationen zu Stanley Coren, die mir so noch nicht bekannt waren.

    • Gern :)
      Dieses Ranking geistert leider schon lange in den Köpfen rum und es ist mir ein Anliegen, deutlich zu machen, dass es nicht unbedingt das aussagt, was es vorgibt 😉

  6. Ach die Antwort ist immer einfach – Mein Hund ist der schlauste 😉
    Nichts desto trotz – gelungener Beitrag. Die Faktoren „Motivation“ und „Zusammenarbeit mit dem Mensch“ sind ausschlaggebend wie intelligent ein Hund im allgemeinen eingeschätzt wird. Am Ende kommt Intelligenz immer auf die Situation drauf an und oft verblüffen dann eigentlich Hunde die als dumm gelten mit situativ ziemlich „intelligenten“ Problemlösungen.

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