Die Hundewelt und das postfaktische Zeitalter

Aluhut

Anlass für diesen Artikel ist ein Zitat einer lieben Kollegin, die vor geraumer Zeit sagte:

„Leute aus der Hundeszene waren vermutlich unter den ersten, die im postfaktischen Zeitalter angekommen sind.“

Von dem, was einem in den täglichen Diskussionen (vor allem auf Facebook) so begegnet, könnte man das wirklich meinen. Da wird polemisiert und emotionalisiert, aber selten differenziert und reflektiert. Da werden Meinungen zu Fakten und Fakten werden einfach übergangen. Stattdessen wird dann mit „Intuition“ oder dem „gesunden Menschenverstand“ argumentiert.

 

Von Intuition und vom gesunden Menschenverstand

 

Versteht mich nicht falsch: ich halte Intuition auch für etwas sehr, sehr wichtiges. Sowohl im „normalen“ Leben, als auch in Bezug auf die Wissenschaft. Und es gibt auch viele Situationen in meinem Leben, in der ich mich auf Selbige verlasse. Aber es gibt auch Situationen, da bringt einen die Intuition nicht wirklich weiter. Diese ist nämlich erfahrungs- und wissensabhängig und kann so nie auch nur annähernd objektiv sein. Spätestens, wenn sich die Intuition zweier Menschen in der gleichen Situation unterscheidet, stellt sich die Frage, wer von beiden denn nun die „richtige“ Intuition besitzt.

Noch schwieriger verhält es sich mit dem guten alten „gesunden Menschenverstand“. Er wird gerne und häufig in Diskussion angebracht. Das Dumme ist nur, dass er gern auch von völlig gegensätzlichen Positionen für sich beansprucht wird. Jeder meint, er hätte den „gesunden Menschenverstand“ für sich gepachtet und alle anderen Meinungen wären falsch. Zudem impliziert es, dass der Gesprächspartner ungesund bzw. krank sei. Es handelt sich hierbei also einzig um ein Scheinargument, um das Gegenüber in einer Diskussion abzuwerten.

 

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Da ist es zum Beispiel egal, dass die offizielle Nebenwirkungsrate von Bravecto aktuell bei 0,01 bis 0,1% liegt (ja ja, die entsprechenden Zahlen sind selbstverständlich von der bösen Pharmaindustrie manipuliert). Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, dass es nicht gut sein kann, Gift zu schlucken. Deswegen ist Bravecto bestimmt für diverse Krampanfälle, Haarausfälle, Futterunverträglichkeiten und wasweißichnoch verantwortlich. Grund genug für einen Shitstorm. Die Hersteller von Bernstein- und EM-Kettchen freuen sich. Dass es zu letzteren keinerlei objektive Nachweise der Wirksamkeit gibt, scheint dabei völlig egal zu sein.

Da ist es auch egal, dass Hunde sich in freier Wildbahn nur zu einem sehr geringen Anteil von Beutetieren ernähren und dass es während der Domestikation massive Veränderungen in der Futterökologie gegeben hat – der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, dass Hunde Fleischfresser sind, weil sie vom Wolf abstammen. Wer was anderes sagt, hat keine Ahnung. So einfach ist das! Und die entsprechenden Studien sind ja sowieso von der Futtermittellobby finanziert!

Diese Reihe ließe sich noch um viele, viele Beispiele fortsetzen. Gemein ist allen diesen Beispielen, dass viel Meinung und meist wenig bzw. nur sehr undifferenziertes Wissen dahinter steht. Wissenschaftliche Studien zum Thema werden dabei gerne ignoriert oder aber völlig fehlinterpretiert.

 

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Falsches Verständnis von Wissenschaft

 

Was in diesem Zusammenhang immer wieder auffällt: Ganz viele Menschen haben schlichtweg ein völlig falsches Verständnis von Wissenschaft.

Zum einen gibt es die Fraktion, die meint, dass wissenschaftliche Erkenntnisse Quatsch seien, weil sie sich ja eh ständig widersprechen würden. Richtig! Und genau darum geht es: Bestehende Hypothesen zu hinterfragen, Ergebnisse und Methoden miteinander zu vergleichen und zu schauen, welche Schlüsse man daraus ziehen kann. Es ist das Wesen der Wissenschaft, sich ständig und immer wieder zu hinterfragen. Das ist übrigens auch der Grund, warum man mit empirischen Studien nichts „beweisen“ kann. Empirische Studien und daraus abgeleitete Theorien unterliegen nämlich immer dem Prinzip der Falsifizierbarkeit. Das bedeutet, sie sind nur so lange „richtig“, bis eine andere Studie zu einem anderen Ergebnis kommt. Und das ist theoretisch jederzeit möglich. Dieses Kriterium unterscheidet übrigens auch Wissenschaft von Pseudowissenschaft.

Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Leute, die einzelne wissenschaftliche Veröffentlichungen maßlos überschätzen und als „Beweise“ für die eigene Meinung heranziehen. Somit hat man dann auch gleich die vermeintliche „Wahrheit“ für sich gepachtet. Dass es vermutlich mindestens genauso viele Studien gibt, die die entsprechende These nicht stützen, wird dabei ignoriert. Hier wären wir bei einem Problem der menschlichen Wahrnehmung: unter anderem dem sogenannten Confirmation bias. Dieses Phänomen beschreibt die Tendenz, nur Dinge wahrzunehmen, die zu den eigenen Überzeugungen passen. HIER gibt es eine gute Zusammenfassung dazu. Aber auch der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt spielt dabei öfter mal eine Rolle. Wunderschön verbildlicht hier:

 

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Was ihr immer im Hinterkopf behalten solltet: Wissenschaftliche Studien bilden keine „Wahrheiten“ ab, sondern vermitteln ein sehr differenziertes Bild des aktuellen Wissensstandes. Aus dieser wiederum lassen sich in den seltensten Fällen allgemeingültige Handlungsanweisungen ableiten. Und die viel zitierten „neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse“, mit denen verschiedenste Konzepte an den Mann bzw. die Frau gebracht werden sollen, sind meistens weder neu, noch wirklich wissenschaftlich.

 

Fazit

 

Auch wenn der ganze Text vermutlich sehr oberlehrerhaft klingt: Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich mich aus diesen ganzen Problematik nicht ausnehme. Selbstverständlich verfalle ich den gleichen Wahrnehmungsverzerrungen. Genau deswegen ist immer mal wieder gut, nicht nur vermeintliche Fakten, sondern auch sich selbst zu hinterfragen. Ich irre mich öfter mal und musste schon das ein oder andere Konzept in meinem Kopf umwerfen. Und selbstverständlich weiß ich nicht alles. Das ist auch ok so. Aber ich gebe mir immer Mühe, über den eigenen Tellerrand zu schauen und Sachverhalte von verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das tut meistens nicht weh und man kann dabei total viel lernen. Ehrlich!

Und weil ich den Beitrag mit einem Zitat meiner lieben Kollegin angefangen habe, möchte ich ihn auch mit einem Zitat von ihr beenden:

„Unwissenheit ist kein Zustand, der geschützt werden müsste.“

 

 

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Ich danke Nadja von erzaehlmirnix ganz sehr, dass ich ihre supertollen Comics verwenden darf!

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9 Kommentare

  1. Ich bin eine sehr große Freundin des gesunden Menschenverstands und ich finde, er hilft im Alltag sehr! So sagt mir der gesunde Menschenverstand, dass ein Hundefutter, das 0,69 € das Kilo kostet, kein hochwertiges Futter sein kann. Tatsächlich interessiert mich dann der objektive Test der Stiftung Warentest nicht mehr. Ist das postfaktisch? Nö. Ich weiß ja auch, dass ein T-Shirt für 3 € nicht fair hergestellt sein kann. Man muss immer selber denken. Und nicht jede Studie ist wirklich unabhängig. Wenn ich nicht Ernährungswissenschaft und Tiermedizin studieren will, muss anderen vertrauen, mich aber auch auf meinen gesunden Menschenverstand verlassen. Und ich muss vielleicht auch mal etwas ausprobieren, woran ich nicht glaube. Es ist mir doch total egal, ob es wissenschaftliche Beweise für etwas gibt, solange es bei meinem Hund hilft. Stichwort Kokosöl gegen Zecken. Natürlich sage ich dann: Meinem Hund hat es geholfen, ob es deinem hilft, weiß ich nicht. Trotzdem geht das ganz ohne Studie und ein Versuch lohnt sich.

  2. Tolle Seite, tolle Themen! Bitte weiter so und mehr davon! Als Tierärztin werde ich täglich mit diversen Meinungen und Weltbildern konfrontiert. Wenn ich zugebe, dass ich vieles nicht weiß oder es dazu keine belastbare Studienlage gibt kommt das meistens nicht gut an… Viel Erfolg!

  3. Leider hört der Artikel bei der wirklich wichtigen Frage auf, denn irgendwann hört ja das Hinterfragen von wissenschaftlichen „Fakten“ bzw. der eigenen Ideen auf. Wie also kommst du zu einem (vorläufigen ?) Standpunkt ?

  4. Ja super Text den ich so unterschreiben möchte. Und gerade die Selbstreflektion ist eine sehr gute Sache – können nur wenige.
    Übrigens es wäre ganz interessant gewesen mal kurz zu erklären was „empirisch“ bedeutet … jetzt muss ich erst mal nach gucken 😉

  5. Leben heißt Veränderung. Ich könnte mir vorstellen, dass dies einer von vielen Punkten ist die zu den angesprochenen Reaktionen führen. Wir (Menschen) schaffen uns „Gerüste“ wie z.B. Wissenschaft oder Religion, an denen wir uns zu orientieren versuchen. Für viele ist dies so eine Art „Handbuch für das Leben“, Änderungen unerwünscht. Die Probleme sind also vorprogrammiert. Es ist eigentlich nicht besonders verwunderlich wenn Menschen bei Veränderungen dann plötzlich giftig reagieren. Sie empfinden es schlicht als Angriff auf ihre Prinzipien, ihr Weltbild gerät in Schieflage. Das darf nicht sein! Ich wünschte mir viel mehr Offenheit und freies Denken in unserer Gesellschaft, aber irgendwie bewegen wir uns (so empfinde ich das zumindest und hoffe ich täusche mich) in die völlig verkehrte Richtung.

    Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, sich auf Tagesbasis über andere aufzuregen. Alles was wir haben ist Zeit, und die sollten wir sinnvoll nutzen. Eigentlich kann jeder nur im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen, seinen Teil zu (ich blase es jetzt mal ganz groß auf) einer besseren Welt beizutragen. Dann hören wir vielleicht mal auf immer mit dem Finger auf „die anderen“ zu zeigen und riskieren auch mal einen Blick in den Spiegel – vielleicht…

    Genug der großen Worte, ich selber bewege mich ja auch nur im Rahmen meiner Möglichkeiten und scheitere sicher selber oft genug. Aber dass unsere Erde keine Scheibe ist, habe ich wohl schon mitbekommen :-)

    LG Wolfhart

  6. Beat Eichenberger

    BRAVO – Super Text! Danke Marie

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