Das Temperament bestimmt, wie Hunde mit Stress umgehen

excited puppy

 

 

Das Yerkes-Dodson-Gesetz sagt voraus, dass die optimale Leistungsfähigkeit bei einer Problemlöseaufgabe erreicht ist, wenn ein mittleres Erregungslevel (=Arousal) auftritt. Im Gegensatz dazu ist die Leistungsfähigkeit beim Problemlösen unter niedrigen oder sehr hohem Erregungslevel gemindert. Moderater Stress ist also gut, zu viel aber auch zu wenig Stress mindert die Denkleistung.

 

In einer brandaktuellen Studie untersuchen Emily Bray und Kollegen die Inhibitionskontrolle (als einen Bestandteil des Problemlöseverhalten) in Abhängigkeit des Erregungslevels. Die Inhibitionskontrolle beschreibt die Fähigkeit, bestehende Handlungstendenzen zu unterdrücken.* In ihrer Studie verglichen die Autoren die Inhibitionskontrolle von „normalen“ Familienhunde mit Assistenzhunden, welche behinderten Menschen im Alltag unterstützen und speziell aufgrund ihres ruhigen Gemüts ausgesucht und trainiert werden.

 

Schwanzwedel-Rate als Maß für das Arousal?

 

Zunächst wurde das Basis-Erregungslevel aller Hunde bestimmt, indem die Schwanzwedler pro Minute gezählt wurden (das finde ich persönlich ein relativ merkwürdiges Maß – ich kenne durchaus Hunde, die auch bei großer Aufregung nur relativ langsam mit dem Schwanz wedeln, während mein kleines Propeller-Tierchen schon bei relativ geringem Erregungslevel wie wild wedelt). Dabei zeigte sich, dass die Assistenzhunde ein geringeres Aufregungslevel haben, als die getesteten Familienhunde.

 

Im Test wurden die Hunde mit einer sogenannten Detour-Aufgabe konfrontiert. Dabei müssen sie ein Plexiglas-Hindernis umlaufen um an ihr Ziel – die Versuchsleiterin mit einer Belohnung in der Hand – zu gelangen. Das bedeutet, die Hunde müssen den Reiz, auf direktem Weg zu dem ersehnten Leckerli zu gehen, unterdrücken (inhibieren), da dieser durch die Barriere versperrt ist.

Jeder Hund absolvierte diese Aufgabe unter zwei Bedingungen: die Versuchsleiterin forderte den Hund entweder in einem neutralen Ton auf, zu ihr zu kommen oder motivierte den Hund mit aufgeregter Stimmlage und wedelndem Leckerli (siehe Video).

 

 

Die ausgebildeten Assistenzhunde, die mit niedrigen Erregungsleveln (bzw. langsameren Schwanzwedeln) den Test starteten, zeigten eine Verbesserung in der Lösung der Aufgabe, wenn die Aufregung stieg. Im Gegensatz dazu zeigten die Familienhunde bereits zu Beginn des Testes eine höhere Aufgeregtheit (bzw. ein schnelleres Schwanzwedeln). In der Bedingung mit wenig Aufregung schnitten sie besser ab, als die Assistenzhunde. Mit zusätzlicher Erregung durch den aufgeregten Ton der Versuchsleiterin, lösten sie die Detour-Aufgabe allerdings schlechter (siehe Video).

 

Wenn die Forscherin also enthusiastisch den Namen des Hundes rief, stieg die Leistung der entspannten Hunde an, während es einen entgegengesetzten Effekt auf die aufgeregteren Hunde hatte. Die Autoren schlussfolgern aus diesen Ergebnissen, dass die richtige Menge an Stress, die ein Hund benötigt um eine optimale Denkleistung zu erbringen, stark von seinem Temperament abhängt.

 

Auch wenn ich das Fazit der Studie durchaus nachvollziehbar finde, stören mich doch mindestens zwei Aspekte in der Methode:

Zum einen finde ich – wie oben schon erwähnt – das Maß für die Grund-Aufregung (Schwanzwedler pro Minute) relativ fraglich. Ich denke, ein physiologisches Maß wie z.B. Herzschlagrate oder Bestimmung verschiedener Stresshormonlevel wäre da etwas aussagekräftiger.
Zum anderen bestand die Gruppe der Assistenzhunde ausschließlich aus Labrador Retrievern oder Labrador-Golden Retriever-Mixen während in der Gruppe der Familienhunde vom Jack Russell Terrier zum Alaskan Malamute alles vertreten war. Vor allem waren auch viele kleine Hunde dabei, die nun von Natur aus eine höhere Schwanzwedel-Frequenz haben.

Außerdem weiß man nun nicht, inwiefern das Ergebnis der Assistenzhunde tatsächlich generell mit einem ruhigen Temperament zusammenhängt oder ob der Effekt spezifisch für die Retriever ist.

 

*Bei Kindern wird die Inhibitionskontrolle u.a. mit dem sogenannten Marshmallow-Test untersucht. Dabei wird den Kindern ein Teller mit einem Marshmallow vorgesetzt und sie wurden vor die Wahl gestellt, ob sie den Marshmallow gleich essen wollen oder ob sie noch eine Weile warten und dann einen zweiten dazu bekommen. Dass diese Aufgabe für die meisten Kinder wahnsinnig schwer ist, kann man zum Beispiel an diesem Video sehen:

 

 

 


Quelle:
Bray, E. E., MacLean, E. L., & Hare, B. A. (2015). Increasing arousal enhances inhibitory control in calm but not excitable dogs. Animal cognition, 1-13.

Beitragsbild:

A Very Excited Puppy von Eric Danley/Flickr unter CC-by 2.0

 

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